Samma ajiva – Rechter Lebenwandel
letzte Änderungen: 2011-12-01

Einmal mehr muss man sich fragen, ob die geläufige Übersetzung ins Deutsche (Rechter Lebenserwerb) der eigentlichen Bedeutung dessen, was samma ajiva heißt, gerecht wird. Aber selbst wenn man diese Übersetzung verwendet wird deutlich, dass sich dieses Pfadglied von allen anderen in einem entscheidenden Punkt unterscheidet: es wendet sich als einziges nicht in erster Linie an Mönche und Nonnen, sondern ausschließlich an Laien, zumindest in dieser Übersetzung.

Doch was bedeutet ajiva eigentlich? Jiva heißt Leben und wird in den indischen Religionen für „das spirituelle Leben“ insbesondere das spirituelle Leben im engeren Sinne bezeichnet. Ajiva ist dann etwas, das nicht das spirituelle Leben im engeren Sinne bezeichnet. Also das, was das Leben der im häuslichen Leben stehende Laienanhänger/innen des Buddha betrifft. Und da ist sicher ein wesentlicher Unterschied, dass diese ihren Lebensunterhalt aus eigenen Kräften bestreiten müssen, was aber sicher nicht das einzige ist, was mit samma ajiva gemeint ist. Weltweit hat sich aber die englische Übersetzung des Terminus samma ajiva durchgesetzt, die Right Livelihood heißt, was zu deutsch Rechte Lebensführung heißt und damit dem Paliterminus viel deutlicher und umfassender gerecht wird.

So erläutert beispielsweise Ingrid Johnen in ihrem Vortrag Der Achtfache Pfad: (http://www.satinanda.de/thema-01/achtfachepfad.html) „Rechte Lebensführung bedeutet: Falsche, karmisch unheilsame Lebensführung meiden und heilsame Dinge in sich entstehen lassen und erhalten. Falsche Lebensführung ist zum Beispiel: Unaufrichtigkeit, Verrat, Verdächtigung, Aushorchen, Wucher; ferner Handel mit Waffen, mit lebenden Wesen, mit Fleisch, mit berauschenden Getränken und mit Gift.“ Hierdurch wird deutlich, dass Rechte Lebensführung den Rechten Lebenserwerb zwar einschließt, aber sehr viel weitergehend ist.

Der Begriff Right Livelihood ist außerhalb buddhistischer Kreise vor allem durch den Right Livelihood Award bekannt, die Auszeichnung, die in Deutschland meist „Alternativer Nobelpreis“ genannt wird. Die von Jakob von Uexkül gegründete Right-Livelihood-Foundation verleiht diesen Preis seit 1980. Die Namensgebung lehnt sich bewusst an das Pfadglied aus dem Achtfachen Pfad an. Einige Preisträger des Right Livelihood Award sind z. B. der Zukunftsforscher Robert Jungk, Petra Kelly, Amory Lovins (der „Papst der alternativen Energie), die Ladakh Ecological Development Group, der Friedensforscher Johann Galtung, Astrid Lindgren, Ken Saro Wiwa, der letztes Jahr verstorbene SPD-Politiker Hermann Scheer und Sulak Sivaraksa, der Gründer des Netzwerks Engagierter Buddhisten, dessen deutschsprachiges Nachrichtenblatt ich früher herausgab. Der Preis wird vergeben, wie es auf der Webseite der Stiftung heißt für „outstanding vision and work on behalf of our planet and its people“. Ich glaube dadurch wird deutlich, das samma ajiva, Rechte Lebensführung, mehr ist als Rechter Lebenserwerb.

Was sagte der Buddha zu Rechtem Lebenserwerb? Nun der Buddha verwies darauf, dass einige Berufe sich mit dem Praktizieren des Dharma nicht vertrügen und er zählte auf: Henker, Metzger, Sklavenhändler, Tierhändler, Waffenhändler und Drogenhändler. Das erschließt sich uns sicher recht klar. In unserer heutigen komplexeren Welt ist es allerdings sehr viel komplizierter zu erkennen, mit welchen Berufen man gegen die buddhistischen Vorsätze verstößt. So habe ich mich nach meinem Studium der Wirtschaftswissenschaften entschlossen, nicht als Betriebwirt in ein Unternehmen zu gehen, da ich fürchtete, es könne sich nachträglich herausstellen, dass in meinem Betrieb gefertigte Komponenten zur Kriegführung verwendet würden. Ich bin statt dessen in den Schuldienst gegangen und versuche meinen Schüler/innen wirtschaftliches Handeln im Einklang mit ethischer Verantwortung näher zu bringen.

Sangharakshita geht noch viel weiter. Er empfiehlt Betriebe Rechten Lebenserwerbs auf Teambasis. Hier arbeiten Buddhist/innen zusammen, praktizieren am Arbeitsplatz, tragen gemeinsam Verantwortung für den Betrieb, unterstützen mit dem Gewinn Triratna-Projekte und produzieren oder verteilen ethisch sinnvolle Produkte. Das größte Unternehmen in diesem Zusammenhang ist windhorse trading in Birmingham, ein Groß- und Außenhandelsunternehmen für fair gehandelte und produzierte Geschenkartikel. Mein Freund Shantipada hat in Essen einen entsprechenden Laden geleitet. Meine Freunde Dharmadipa und Lalitaratna haben in England in einem entsprechend organisierten vegetarischen Restaurant gearbeitet. Mein Freund Dhammaloka leitet den Verlag do evolution, der Sangharakshitas Bücher auf deutsch veröffentlicht, Träger dieses Projektes ist der Verein Buddhawege, für den ich die Buchführung und den Internetversand mache.

Interessant ist auch, was Sangharakshita zur Intensität der Arbeit sagt. Nämlich erstens, dass man nur so viel arbeiten soll, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. So arbeite ich nur auf Teilzeit, um die übrige Zeit für meine Praxis und die Weitergabe des Dharma zu haben. Und zweitens empfiehlt er, eine Arbeit zu nehmen, die Deinen Geist nicht unnötig auslaugt und beansprucht, denn dies würde Deine Geisteszustände im allgemeinen und Deine Meditation im besonderen beeinträchtigen. Das bedeutet, dass der Beruf des Brötchenausträgers sinnvoller ist als der des Projektmanagers. Ein, wie ich finde, sehr interessanter Aspekt.

Aber die Rechte Lebensführung bedeutet mehr als nur Lebenserwerb. In bestimmten Umfang bedeutet Rechte Lebensführung auch gesellschaftliche Veränderung. Das fängt schon ganz dicht beim Berufsleben an. Wir erfahren in den letzten Jahrzehnten eine deutliche Arbeitsverdichtung. Noch nie in den letzten hundert Jahren waren so viele Menschen von beruflich bedingtem Stress, von beruflich bedingten Depressionen und von burnout bedroht wie heute. Als ich ankündigte zu diesem Thema und zur buddhistischen Antwort darauf einen Vortrag zu halten, hat mich mein normalerweise äußerst konservativer Freund Shantipada darauf hingewiesen, dass es wichtig sei, die Ursachen nicht nur in uns selbst zu suchen, sondern in einem System, das immer deutlicher menschenverachtende Züge zeige und die Menschen zerstöre. Nicht die Patienten seien krank, sondern unser Wirtschaftssystem.

Auch der Buddha übte übrigens Kritik an Fehlentwicklungen seiner Zeit, so schreibt Subhuti (Neue Stimme, S. 301): „das Kastensystem, das sich übrigens damals gerade erst herausbildete, wurde vom Buddha offen, wiederholt und unerbittlich angegriffen. Mit scharfer Logik, sanfter Ironie und manchmal unverblümtem Spott entblößte er die Absurdität und Ungerechtigkeit brahmanischer Ansprüche.“ Ich denke in diesem Sinne bleibt auch für Buddhist/innen heute noch viel zu tun, um dem Buddha auch in dieser Beziehung nachzueifern. Dabei müssen wir jedoch auf der Hut sein. Wann immer wir uns in dieser Weise engagieren, werden wir mit anderen Menschen zusammenarbeiten, die aus anderen Gruppen kommen, und deren Motivation wird vermutlich eine ganz andere sein. Hier müssen wir aufpassen, uns nicht von den diversen Weltanschauungen und –ismen einfangen zu lassen. Wir müssen immer auf der Basis des Metta-Modus arbeiten, nicht auf der Basis des power-Modus. Unser Ziel ist es, Bedingungen zu unterstützen, die es den Menschen ermöglichen, an ihrer spirituellen Entwicklung zu arbeiten, alles andere ist sekundär.

Es kann nicht in erster Linie Aufgabe der buddhistischen Gemeinschaft sein, das Los der Menschen zu verbessern. Samsara ist die Heimat von dukkha, daher kann es nicht darum gehen, samsara zu optimieren, sondern es zu überwinden. Für alle, die nicht gerade eine besondere Berufung zur Sozialarbeit in sich verspüren, ist es daher wichtiger, den Dharma zu verbreiten, z. B. dadurch dass man ihn lebt und so ein Beispiel für andere gibt.

Auf diese Weise – und das ist Sangharakshitas Vision – schaffen wir als spirituelle Gemeinschaft den Nukleus einer neuen Gesellschaft mitten in der alten. Dem hat sich die buddhistische Gemeinschaft Triratna verschrieben, und ich versuche, mein Scherflein dazu beizutragen. Dabei vertrauen wir darauf, dass die Strahlkraft des spirituellen Lebens, auch für andere anziehend wirkt, für die – um den Buddha zu zitieren – mit wenig Staub auf den Augen.

Und noch einen Aspekt Rechter Lebensführung möchte ich aufzeigen. Der Buddha prägte den Ausdruck vom dharma raja, vom sog. raddrehenden König, wie die Übersetzung üblicherweise heißt. Darunter wird jemand verstanden, der im Einklang mit dem Dharma seine Herrschaft ausübt. Gewöhnlich wird der zum Buddhismus konvertierte Kaiser Asoka als ein solcher dharma raja bezeichnet. Ohne auf diese historische Gestalt näher eingehen zu wollen, möchte ich den Begriff des dharma raja etwas näher untersuchen. Raja heißt keineswegs König. Der Vater des historischen Buddha, Suddhodana, war beispielsweise Raja, aber das kleine Land Shakya (ungefähr so groß wie Luxemburg oder wie der Main-Kinzig-Kreis) war keine Monarchie. Suddhodana war vielmehr ein von der Ratsversammlung gewählter Vorsitzender. Als solcher war er der Souverän des Ständerepublik Shakya. Der Raja ist also der Souverän eines Staates. Wer aber ist in der Demokratie der Souverän? Zumindest wenn wir unsere Staatsform und unser Grundgesetz ernst nehmen, ist es das Volk, wir alle. Wir alle sind also aufgerufen, uns als Teil des Raja zu verstehen, daher ist der dhamma raja in einer Demokratie ziemlich genau das, was das französische Wort citoyen bezeichnet. Und dazu habe ich bei Wikipedia unter dem Begriff citoyen nachgeschaut und gefunden: Der Citoyen bezeichnet den Bürger bzw. Staatsbürger, der in der Tradition und im Geist der Aufklärung aktiv und eigenverantwortlich am Gemeinwesen teilnimmt und dieses mitgestaltet. Und genau das, so finde ich, beschreibt den Bürger als dharma raja in einer demokratisch verfassten Gesellschaft.

Und jetzt möchte ich doch noch einmal auf Ashoka zurückkommen. Allerdings nicht auf den buddhistischen Kaiser. Eingangs habe ich über den Right Livelihood Award gesprochen und damit aufgezeigt, wie der buddhistische Einfluss, wie samma ajiva auch in Wirtschaft und Politik des Westens Einfluss zu nehmen beginnt. Es gibt auch einen Unternehmerpreis, der sich mit solchem Engagement befasst, und der heißt Asokapreis, über den die englischsprachige Homepage www.ashoka.org sagt: “Ashoka strives to shape a global, entrepreneurial, competitive citizen sector: one that allows social entrepreneurs to thrive and enables the world’s citizens to think and act as changemakers.” (Asoka strebt eine weltweite unternehmerische, wettbewerbsorientierte Bürgergesellschaft an, in der soziale Unternehmer aufblühen können und die Bürger der Welt befähigt werden, als Erneuerer denken und handeln zu können.)

Vielleicht ist euch schon einmal aufgefallen, dass auf unserer Homepage ein Link zu einem Stromversorgungsunternehmen ist, auf der Toilette hängt auch ein kleines Info über dieses Unternehmen, das 1986 als Tschernobyl-Initiative von dem Kinderarzt Michael Sladek, mit dem ich die Freude hatte in meiner Zeit beim ÖkoBüro Hanau zusammenzuarbeiten, und seiner Frau Ursula gegründet wurde. Daraus ist inzwischen ein bundesweit agierendes Unternehmen geworden, die EnergieWerke Schönau (EWS). Im Jahre 2008 wurde dieses Unternehmen mit dem Asoka-Preis als social entrepreneur ausgezeichnet. Und wenn wir in diesem Moment nicht vom Buddha erleuchtet werden, sondern von emissions- und atomfrei erzeugten Strom, so liegt das am Asoka-Preisträger EWS.

Und auch das zeigt: wir bauen eine neue Gesellschaft inmitten der alten. Es gibt viel zu tun. Packen wir es an: durch eine Rechte Lebensführung.



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