Aus der Vortragsreihe "Der Edle Achtfältige Pfad (2015)"
Horst Gunkel:
Einführung II: Die Vier Edlen Wahrheiten
zuletzt geändert am 8. Oktober 2015

Im ersten Vortrag aus der diesjährigen Reihe "Der Edle Achtfältige Pfad" befassten wir uns mit der Tatsache, dass Handlungen Folgen haben, wir bezeichnen das als "Entstehen in Abhängigkeit", der Pali-Ausdruck dafür ist paticca samuppada. Die entsprechenden Lehrsätze sind:

  • Alles was entsteht, entsteht in Abhängigkeit von Bedingungen.
  • Fehlen die Bedingungen, so entfällt die Wirkung.
Das klingt einerseits plausibel, andererseits doch ziemlich theoretisch. Die Lehre des Buddha ist jedoch nichts Theoretisches; der Buddha war kein Theoretiker, er war ein Praktiker, er lehrte nur, was einen unmittelbaren Nutzen stiftet. Manchmal wird sogar gesagt, der Buddhismus sei keine Religion, sondern eine praktische Wissenschaft, der Buddhismus sei die Wissenschaft vom Glück und vom Weg zum Glück.

Ganz häufig sind wir jedoch nicht glücklich, sondern irgendwie unzufrieden. Tatsächlich kann man sagen, dass zu Ende gedacht, alles, was in Abhängigkeit von Bedingungen entstanden ist, irgendwie nicht zufriedenstellend ist. Das Paliwort für etwas, das letztendlich nicht völlig zufriedenstellend ist, ist dukkha.

Der Buddha hat die abhängig entstandenen Phänomene untersucht, und dabei festgstellt, dass es verschiedene Arten dieser Unzufriedenheit gibt.

Ich möchte dies am Beispiel von Nahrung darstellen, etwas das auf den ersten Blick doch eher positiv ist. Aber

Fall 1: Es ist keine Nahrung da. Das kann sehr leidhaft sein. Ich erinnere mich, dass meine Mutter während ihres ganzen Lebens immer wieder von der Nachkriegszeit erzählte, wo sie und ihre ganze Familie Hunger leiden musste.

Fall 2: Nahrung ist zwar da, wir mögen sie aber nicht. Zur gleichen Zeit als meine Mutter hungerte, bekam mein Schwiegervater in sowjetische Kriegsgefangenschaft ausreichend Nahrung. Er arbeitete in einer Kolchose, in der Kapusta, Kohl, angebaut wurde. Es gab jeden Tag Kohlsuppe, jahrelang. Er hat später nie wieder Kohl angerührt.

Fall 3: Nahrung ist da und sie ist lecker. Das ist erst einmal positiv - aber ist es wirklich nur positiv, ist es letztendlich voll und ganz zufriedenstellend?

3 a) Die Folge kann sein, dass ich zu viel esse. Wenn ihr mich anseht, werdet ihr bemerken, dass das nicht nur eine theoretische Überlegung ist.
3 b) Die Folge kann sein, dass ich mich zügele, obwohl ich noch soooooo gerne weiteressen würde. Auch das ich nicht völlig zufriedenstellend.
3 c) Ich erinnere mich mit Schrecken daran, wie bei der Eröffnung des massa-Supermarktes in Stockstadt 1967 Hähnchen im Sonderangebot waren - ich war begeistert. Es wurden pro Person maximal 10 Stück abgegeben. Aber da ich mit meiner Mutter und meiner Großmutter dort war konnten wir 30 Stück erstehen. Meine Mutter machte sich nicht viel daraus und fragte, ob ich die auch essen würde. Ich war begeistert. Wir hatten jedoch keine Tiefkühltruhe. Alle Hähnchen wurden gebraten und ich musste innerhalb der nächsten Woche 25 davon essen - morgens, mttags und abends. Entsetzlich. Der Buddha nennt das viparinama-dukkha, die Wirtschaftstheorie spricht hier vom Gesetz des abnehmenden Grenznutzens. Der Nutzen jedes weiteren verspeisten Hähnchens wird kleiner, spätestens nach dem fünften Hähnchen war er negativ.
Fall 4: Perspektivwechsel. Wenn wir die gleiche Sache aus der Situation der Hähnchen betrachten, die dafür nicht nur geschlachtet wurden, sondern, um zu so einem günstigen Preis verkauft zu werden, auch unter den grausamen Bedingungen der tierquälerischen Massentierhaltung gehalten wurden, wird eine noch größere Dimension von dukkha deutlich. Das ist wirklich keineswegs zufriedenstellend.

Fall 5: Das ist ein Grund warum sehr viele Buddhisten Vegetarier sind, alle Ordensmitglieder von Triratna und die allermeisten Mitras. Das ist sicher sehr vernünftig und mitfühlend. Aber ist damit alles in Ordnung? Der Buddha schildert eindringlich die Konsequenzen der Nahrungsmittelproduktion am Beispiel des Pflügens vor dem Anbau von Kartoffeln, nachzulesen in der Geschichte "Unterm Rosenapfelbaum" auf unserer Webseite, ich zitiere:

Und Siddharta sah genau, was da geschah! Siddharta sah, wie die Dinge wirklich sind. Er sah den Bauern, der da pflügte. Er sah ihn wirklich! Er war ein alter Mann, und die Tätigkeit des Pflügens strengte ihn sichtlich an, dies um so mehr, als er ein etwas verkürztes linkes Bein hatte. Siddharta konnte in seinem Gesicht lesen, wie ihn jeder Schritt anstrengte. Er sah die angespannten Muskeln des Mannes, der sich bemühte, den Pflug gerade in der Furche zu halten, was offensichtlich sehr schwierig war, und er sah den Schweiß auf der Stirn des Mannes, der diese Arbeit hier in der gleißenden Hitze ausführen musste.

Aber Siddharta sah noch mehr. Er sah auch die Peitsche in der anderen Hand des Mannes. Und er sah wie diese Peitsche auf den Rücken des Wasserbüffels, der den Pflug zog, hernieder knallte. Er konnte die Peitsche förmlich auf seinem eigenen Rücken spüren, und großes Mitgefühl mit dem Wasserbüffel überkam ihm. Der Büffel schien zu weinen, aber das sah nur so aus, denn an seinen feuchten Augen waren Hunderte von Fliegen, die den Büffel belästigten.

Und dann sah Siddharta den Pflug. Er sah, wie er die Erde durchschnitt und er sah, wie Regenwürmer und Engerlinge von diesem Pflug zerteilt wurden, wie sich diese kleinen Wesen krümmten und wanden vor Schmerz.

Und er sah die Vögel, die dem Pflug folgten, die sich mit lautem Schrei auf die nach oben gekommenen Würmer stürzten und gierig alle kleinen Insekten verschlangen, die mit der offenen Scholle nach oben gekommen waren und die jetzt um ihr Leben liefen die meisten vergebens.

Und dann sah er einen Raubvogel der hinabstieß und einen dieser Vögel, der gerade an einem großen Regenwurm zog, in die Fänge nahm und auf einen Baum flog, um den noch lebenden kleinen Vogel zu rupfen.

Langsam drehte Siddharta um. Tränen liefen jetzt über seine Wangen.

Nahrung an sich ist nichts Schlechtes. Aber ich denke, ich habe an diesem Beispiel klar gemacht, das alles, was in Abhängigkeit von Bedingungen entstanden ist, wie z. B. Nahrung, nicht letztendlich völlig zufriedenstellend ist. Daher ist die

Erste Edle Wahrheit: Die Wahrheit von dukkha
Die Wahrheit von der Tatsache, dass etwas abhängig Entstandenes letztendlich nicht völlig befriedigend ist.

Geburt, Alter, Krankheit, Tod, vom Lieben getrennt sein, mit dem, was man nicht mag, zusammen sein, das alles empfinden wir als dukkha.

Schauen wir uns an, warum wir gewöhnlich unzufrieden sind. Mein Freund Bruno ist beispielsweise sehr unzufrieden. Er schimpft ständig. Über seine Arbeit, über seine Frau, über seinen Chef, über den Hungerlohn, für den er arbeiten müsse, der allerdings etwa 30% über dem Mindestlohn liegt, er schimpft auf die Gesellschaft, auf die Regierung, sogar auf Meditation am Obermarkt. Er ist mit vielem unzufrieden, geht aber die Ursachen nicht wirklich an.

Eigentlich geht es Bruno nicht schlecht. Er hat eine kleine Wohnung, einen Kleinwagen, ein Motorrad, eine Frau, einen Job. Er hat mit anderen Worten das, was für alle die Menschen, die derzeit als Flüchtling in unser Land kommen, das Ziel ist. Dennoch ist er unzufrieden. Vielen seiner Nachbarn geht es besser. Mit anderen Worten von den 7 Milliarden Menschen auf der Welt geht es 700 Mio besser. Er gehört nicht zu diesen 10 Prozent der Wohlhabensten - daher ist er unzufrieden.

Wart ihr einmal hier in der Kaiserpfalz? Wolltet ihr so wohnen wie Kaiser Barbarossa, der zu seiner Zeit mächtigste und reichste Mann Europas? Keine Zentralheizung, kein Glas in den Fenstern, diese waren nur mit Tüchern gegen die Kälte verhängt. Am offenen Feuer musste man sich wärmen, wurde von vorne gegrillt, während man am Rücken mit den Zähnen vor Kälte klapperte. Ungeziefer lief in den Gemächern herum. Wie viel besser hat es Bruno in seiner beheizten Wohnung, mit seiner bequemen Kleidung von Aldi statt in einer sicher nicht sehr bequemen Ritterrüstung. Aber Bruno ist unzufrieden und unglücklich und wütend. Und weil das nicht nur Bruno so geht, sondern weil ein Bruno in jedem und jeder von uns steckt, formuliert der Buddha die

Zweite Edle Wahrheit: Die Wahrheit von der Ursache von dukkha.
Die Ursache von dukkha, von Unzufriedenheit ist Verlangen (schärfer ausgedrückt: Gier), ist Abneigung (schärfer ausgedrückt: Hass) und ist Verblendung, darunter verstehen wir Projektionen, Wunschvorstellungen, romantische weltfremde Ideale, die Erwartung, dass etwas oder jemand -  Dinge leistet, die es definitiv nicht leisten kann. Wir suchen den ultimative Urlaub, den Traumjob, den Traumpartner. Das ist Träumen; das Gegenteil von Träumen ist Erwachen. Buddha heißt übersetzt: der Erwachte. Da kann jede/r von uns hinkommen.

Was tun? - Nun, ich muss die Ursachen meine Unzufriedenheit (z. B. mit dem Essen) beseitigen. Die Frage bezüglich meiner Unzufriedenheit ist also, wie kommt es dass ich unzufrieden bin?

Und die Antwort ist:

Weil ich Schokolade will. (Gier)
Weil ich Kohlsuppe ablehne. (Abneigung)
Weil ich will, dass die Sachen gut schmecken, billig sind, sozialverträglich, umweltfreundlich und außerdem schlank machen! (Verblendung)
Und die Antwort, was zu tun ist, ist damit klar, es ist

Die Dritte Edle Wahrheit: Die Wahrheit vom Aufhören von dukkha
Wenn mein dukkha in Abhängigkeit in erster Linie von Gier, aber auch von Hass und Verblendung entsteht, dann muss ich nur Gier, Hass und Verblendung abstellen und schon ist die Unzufriedenheit weg. Das allerdings ist leichter gesagt als getan.

Soweit also die Diagnose, jetzt kommt die Therapie, wie man das angehen kann:

Die Vierte Edle Wahrheit: Die Wahrheit vom Weg zum Überwinden von dukkha.

Was also ist zu tun? Auch das hat der Buddha untersucht, und er hat acht Themenfelder gefunden, auf denen wir an uns arbeiten müssen, wenn dukkha überwunden werden soll, das ist der Edle Achtfältige Pfad. Wir haben also gewissermaßen acht Baustellen, an denen wir arbeiten müssen. Das wird uns die nächsten acht Donnerstage beschäftigen. Heute nur die Titel:
 
samma ditthi  Rechte Schauung
samma sankappa Rechte Entschlossenheit
samma vaca  Rechte Rede
samma kamanta Rechtes Handeln
samma ajiva Rechter Lebenserwerb
samma vayama Rechte Bemühung
samma sati Rechte Achtsamkeit
samma samadhi Rechter Samadhi



© Copyright 2015 by Horst Gunkel, Gelnhausen
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