Amoghasiddhi


Liebe Freundinnen und Freunde,

im vergangenen halben Jahr habe ich hier immer dann, wenn weniger als sechs Menschen da waren, so wie im Jahr zuvor buddhistische Geschichten erzählt. Wenn aber mehr ZuhörerInnen anwesend waren, habe ich entweder über ein Phänomen aus den 24 niddanas gesprochen, also den 24 Begriffen, die an dieser Wand hier stehen und die die Entwicklung vom Tier zum Buddha beschreiben, oder aber über eine Person aus dem Buddhismus.

Allerdings kam es nur zweimal vor, dass ich über eine Person erzählte und beides Mal waren es keine historische Personen, sondern Wesen aus dem Mandala der fünf Jinas, waren es archetypische Buddhas, die für verschiedene Qualitäten der Erleuchtung stehen. Einmal sprach ich über Ratnasambhava, den hier in Gelb dargestellten Buddha, der insbesondere Großzügigkeit, Wärme und auch die strahlende Kraft der Sonne darstellt, das andere Mal über Aksobhya, den archetypischen blauen Buddha, der für unerschütterliches Vertrauen und unerschütterlich Bemühung steht.

Nachdem wir inzwischen mit der Besprechung aller 24 niddanas, aller 24 Kettenglieder des Entstehens durch sind, also sowohl mit den zwölf zyklischen niddanas dort links an der Wand, die unser Gefangensein im Reiz-Reaktionsschema, im Hamsterrad des täglichen Lebens beschreiben, als auch mit den zwölf progressiven niddanas, die den Pfad zur Erleuchtung, zu Vollkommenheit, zu nibbana, zur Buddhaschaft aufzeigen, möchte ich heute  wieder auf einen der archetypischen Buddhas zu sprechen kommen, nämlich auf Amoghasiddhi, den grünen Buddha des Nordens.

Wenn wir uns Amoghasiddhi hier auf dem Bild an der Wand ansehen, so stellen wir fest, er befindet sich im Mandala der fünf jinas genau dort, wo der Pfad zur Erleuchtung in dieses Mandala führt. Und das habe ich nicht von ungefähr so gemalt, es hat vielmehr eine gewichtige Bedeutung. Jeder dieser jinas stellt ja eine bestimmte Eigenschaft, einen bestimmten Aspekt von Buddhaschaft dar. Eine bestimmte Eigenschaft, die dazu führt, dass man befähigt ist, Erleuchtung zu erreichen. Es ist eine Eigenschaft, die alle Wesen, insbesondere alle Menschen haben, auch wenn sie bei den verschiedenen Leuten sehr unterschiedlich entwickelt ist.

Und der Aspekt, den Amoghasiddhi darstellt, das ist die Fähigkeit, sich zu entwickeln, die Fähigkeit zu evolvieren, die Fähigkeit sich zu emanzipieren. Evolution trägt das Streben nach Höherem, nach Vollkommeneren in sich. Und die höchste Stufe der Entwicklung, der Evolution, ist die Entwicklung des Menschen aus dem gewöhnlichen Dasein, aus dem Hamsterrad des samsara, aus dem animalischen Reiz-Reaktions-Muster hinaus zu etwas Höherem, zur Evolutionsstufe über dem Menschen, zum Durchbruch zu Buddhaschaft.

Und genau diese uns innewohnende Fähigkeit – häufig auch als Buddhanatur bezeichnet – ist es, die Amoghasiddhi symbolisiert. Und deswegen sitzt er auch in diesem Mandala genau dort, wo der Pfad, wo der auf dem Pfad Emporschreitende, ins Mandala der Vollkommenheit eintritt, wo er gewissermaßen den Durchbruch in eine höhere Dimension schafft, wo er zum Buddha wird.

Das Wort Amoghasiddhi bedeutet übrigens „unfehlbarer Erfolg“ oder „ungehinderte Vollendung“ und so symbolisiert auch dieses Wort, dieses Sprachzeichen, den Durchbruch zur Buddhaschaft. Und wenn man zu etwas durchbrechen will, den Durchbruch schaffen will, dann braucht man dazu neben Tatkraft und Mut auch die entsprechenden Mittel, die entsprechenden Werkzeuge.

Solche Werkzeuge höherer Wesen finden wir in den Mythologien aller Völker, in den Göttersagen der Antike in den unterschiedlichen Kulturen. In der griechischen Mythologie hat die größte Kraft der blitzeschleudernde Zeus und eben diese Blitze sind seine Waffen im Kampf. In der germanischen Mythologie hat die stärkste Waffe jener germanische Gott, dessen Namenstag wir heute feiern, denn heute ist Donnerstag, es ist Donar, der bei den Nordgermanen Thor heißt, wieso der Donnerstag in Schweden Thorsdag heißt und die Angelsachsen ihn Thursday nennen.

Und die Waffe dieses Gottes ist natürlich Thors Hammer, der Hammer des Donnergottes. In der indischen Mythologie ist diese größte Kraft, dieses stärkste Werkzeug der Donnerkeil, der vajra, von dem wir ein Modell auf unserem Schrein liegen haben. Und es ist dieses Instrument, das einer ganzen buddhistischen Schule, dem Vajrayana, also der Richtung, der auch der Dalai Lama angehört, seinen Namen gegeben hat.

Und wenn wir uns das Attribut ansehen, das Aksobhya in Händen hält, so ist es eine spezielle Variante dieses vajra, es ist der Doppelvajra, also etwas noch stärkeres als die stärkste Kraft des Universums. Wir sehen in Aksobhyas linker Hand diesen Doppelvajra, dieses geheimnisvoll mächtige Symbol zweier gekreuzter vajras. Und wenn ich sage, diese vajras seien gekreuzt, so bemerken wir dabei eventuell auch eine Verbindung zu einer anderen Mythologie, nämlich zum christlichen Kreuz. Während die normalen römischen Hinrichtungsbalken ja eher T-förmig waren, wird der Tod Chrsti immer an einem Kreuz dargestellt, denn dem Querbalken, den wir ja auch aus unserer Zeichensprache kennen, vom Durchfahrt-Verboten-Schild, vom Stoppzeichen der alten Vorkriegsampeln und heutigen Straßenbahnampeln oder dem Durchfahrtverbots-zeichen der verkehrsregelnden Polizisten, wird beim Kreuz dadurch durchbrochen, sodass ein senkrechter Balken himmelwärts geht und eben nicht wie beim T am Querbalken endet, sondern diesen durchbricht. So soll auch das christliche Kreuz den Durchbruch zum Reich Gottes und nach christlicher Überzeugung eben die Errichtung des Reiches Gottes auf Erden symbolisieren.

Und die entsprechende Symbolik haben wir auch in dem gekreuzten Vajra, auch hier erfolgt der Durchbruch zu einer qualitativ ungemein höheren Ebene, der Ebene der Vollkommenheit, zur Buddhaschaft, zum nirvana, dem Reich des Nicht-Wähnens. Hier vollendet sich die Evolution eines Wesens, hier hat sich der Mensch aus seiner Bedingtheit emanzipiert und ist zum Buddha geworden.

Und natürlich ist das für uns etwas Unbekanntes, etwas Rätselhaftes, etwas, das uns vielleicht Angst einjagen kann. Und wie hilft uns Aksobhya dabei? Nun, die Hilfe, die er uns bietet, sehen wir in der mudra, in der Geste, die er mit seiner rechten Hand ausführt, es ist die abhaya-mudra, die Geste des Gebens der Furchtlosigkeit. Eine der höchsten Tugenden, eines Bodhisattva, eines Erleuchtungswesens, ist, dass er jedem gibt, wonach er bedarf. Und als vielleicht wichtigste Gabe gilt dabei die Gabe der Furchtlosigkeit. Und genau die gibt Aksobhya, er ermutigt uns, den Pfad zu beschreiten, bis ans Ende. Ja, wir werden uns dabei so verändern, dass plötzlich alles anders ist, dass wir die Dinge sehen, wie sie wirklich sind, gerade so, als würden wir aus einem verrückten Traum aufwachen.

Bodhi heißt Erwachen, ein Buddha ist ein Erwachter, und Aksobhya ermutigt uns, wirklich zu erwachen, den Dingen in die Augen zu sehen. Auch dies übrigens eine Darstellung, derer sich auch das Christentum bedient. Der Ausdruck: „Fürchtet euch nicht!“ ist der Satz, den das Evangelium Jesus so häufig wie keinen anderen in den Mund legt, insgesamt nicht weniger als zwanzig Mal! Und ebenso wie in Lukas 2,10 ruft uns Aksobhya zu: „Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch große Freude!“ allerdings gibt es auch einen Unterschied zum Lukas-Evangelium, dort wird nämlich der Grund dieser Freude genannt, es heißt dort: "Heute ist euch der Retter geboren, er ist der Messias, der Herr". Im Christentum ist es also eine äußere Person, die Rettung bringt. Im Buddhismus ist es die Ermutigung: „Du kannst es selbst schaffen. Der Buddha war ein Mensch, so wie wir Menschen sind. Was der Buddha erreicht hat, das kannst auch Du erreichen.“

Es liegt also in Deiner Hand. Das wird auch deutlich, wenn wir uns eine Gruppe von mythologischen Figuren des Buddhismus betrachten, als deren Oberhaupt Amoghasiddhi gilt, es ist die Karma-Familie oder auch Tat-Familie. Denn durch dein Handeln mit Körper, Rede und Tat kannst du dich verwandeln, und das ist ja die eigentliche Bedeutung vom Karma: Handeln, ethisches Handeln. Eine andere Figur aus dieser Karma-Familie befindet sich übrigens auch hier im Raum abgebildet. Man erkennt sie daran, dass sie, wie Amoghasiddhi, grüne Haut hat. Es ist natürlich die Grüne Tara, die so dargestellt wird, als wäre sie gerade am Aufstehen, man beachte nur ihr rechtes Bein, mit dem sie sich gerade aus der Meditationshaltung erhebt, um den Wesen aktiv zu helfen. Die rechte Hand hat sie in der varada-mudra, der Geste der Wunschgewährung.

Und abschließend möchte ich Euer Augenmerk noch auf etwas lenken, das man auf diesem Bild hier gar nicht sehen kann, weil ich es nicht mit aufgemalt habe. Es sind die Tiere, die den Thron Amoghasiddhis tragen. Vielleicht erinnert ihr Euch daran, dass es bei Ratnasambhava Pferde waren, Tiere die gleichermaßen ungestüm sein können, aber auch von hoher Disziplin und die den Menschen vorantragen können, Tiere die außerdem andere Wesen respektieren: sie sind Vegetarier. Und auch bei Aksobhya hatten wir ein mächtiges und intelligentes Tier: den Elefanten, er steht für Unerschütterlichkeit. Was aber sind die Tiere Amoghasiddhis?

Nun es sind Garudas. Vielleicht kennt ihr keine Garudas. Das ist nur allzu verständlich, es sind mythologische Tiere, ein bisschen, wie der bayerische Wolpertinger, allerdings mit einem viel tieferen Symbolgehalt. So wie die griechischen Zentauren halb Pferd, halb Mensch sind, so sind die Garudas Vogelmenschen, deren Unterkörper einem kräftigen Vogel gleicht, der Oberkörper hat aber menschliche Gestalt. Sie zeigen also gewissermaßen den Durchbruch von der Evolutionsstufe des Tieres zu der des Menschen an. Und genau um einen entsprechenden Durchbruch geht es auch hier, am Ende des Pfades, dem Durchbruch von der Evolutionsstufe des Menschen zu der des Buddha, der endgültigen Emanzipation des Menschen aus dem Bereich der niederen Evolution, dem Durchbruch zur Vollkommenheit. Und diese Garudas halten in ihren Händen Zimbeln, Klanginstrumente, mit denen sie den Durchbruch freudig begrüßen, die laute Töne machen, die Erwachen symbolisieren.

Und genauso wie Amoghasiddhi möchte ich Euch am Ende dieses Halbjahres, am Ende des Evolutionskurses, am Ende der Darstellung des Pfades zur Vollkommenheit zurufen: Fürchtet euch nicht! Der Pfad ist dargelegt, er ist gangbar, euch stehen große Veränderungen bevor, der Durchbruch ist möglich. Und ebenso wie sich die Menschheit aus dem Tierreich emanzipiert hat und damit eine völlig neue Qualität erreicht hat, so kannst auch du dich auf eine höhere Entwicklungsstufe hocharbeiten – und du wirst nie wieder so etwas spirituell Armseliges, so etwas Verblendetes wie ein Mensch sein wollen.

Der Pfad ist gangbar. Fürchte dich nicht!

Weck den Amoghasiddhi in dir, den „unfehlbaren Erfolg“.



© Copyright 2011 by Horst Gunkel, Gelnhausen
Zu Meditation am Obermarkt
Zurück zu den Artikeln und Vorträgen
Zu den Audio-Vorträgen